Endometriose-Bericht des Bundesrates bestätigt Forderungen der SGGG


Früherkennung, Versorgung und Forschung müssen gezielt gestärkt werden

 

Der Bundesrat bestätigt den grossen Handlungsbedarf bei Endometriose: Für die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) ist der am 5. Juni 2026 verabschiedete Postulatsbericht zur «Strategie für die frühzeitige Erkennung von Endometriose» ein starkes Signal für eine bessere Diagnose und Versorgung. Der Bericht zeigt: Endometriose legt strukturelle Defizite im Schweizer Gesundheitssystem offen – von der verzögerten Diagnose über die interdisziplinäre Behandlung bis hin zu Forschung und Datenlage.

Die SGGG begrüsst den Bericht und die darin vorgesehenen Initiativen auf Bundesebene. Sie sieht darin eine wichtige Bestätigung ihrer langjährigen Forderungen. Um die heute häufig unzumutbar lange Diagnoseverzögerung von bis zu zwölf Jahren zu verkürzen, müssen die bestehenden Kompetenzen des Bundes konsequent genutzt werden.

Eine häufige Krankheit mit gravierenden Folgen

Endometriose ist eine chronische gynäkologische Erkrankung. In der Schweiz ist schätzungsweise jede zehnte Frau im gebärfähigen Alter betroffen. Viele Patientinnen leiden jahrelang unter starken Schmerzen, funktionellen Einschränkungen, unerfülltem Kinderwunsch und erheblichen psychosozialen Belastungen, bevor die Krankheit erkannt wird.

Die Folgen reichen weit über das individuelle Leiden hinaus. Mit geschätzten jährlichen Gesamtkosten von rund zwei Milliarden Franken ist Endometriose auch volkswirtschaftlich relevant. Besonders ins Gewicht fallen indirekte Kosten durch Fehlzeiten, Produktivitätsverluste und eingeschränkte Arbeitsfähigkeit.

«Extreme Menstruationsschmerzen dürfen nicht länger als normal gelten»

SGGG-Past-Präsident Prof. Dr. Michel Mueller, einer der führenden Endometriose-Experten der Schweiz, unterstützt die Stossrichtung des bundesrätlichen Berichts. Gleichzeitig warnt er davor, die Krankheit weiterhin zu verharmlosen.

«Es ist inakzeptabel, dass extreme Menstruationsbeschwerden in unserer Gesellschaft und teilweise auch in der medizinischen Grundversorgung noch immer als normal abgetan werden. Wir müssen dieses Stigma endgültig brechen, um durch eine frühere Diagnose chronische Organschäden und Unfruchtbarkeit zu verhindern», sagt Michel Mueller.

Eine rechtzeitige, spezialisierte Behandlung verbessere nicht nur die Lebensqualität der Patientinnen, sondern könne auch Fehlzeiten reduzieren und damit die Volkswirtschaft entlasten. Dazu gehören je nach Situation minimalinvasive Chirurgie, hormonelle Therapien, Schmerztherapie und interdisziplinäre Betreuung.

Bund setzt wichtige erste Schritte um

Die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung liegt in der Schweiz primär bei Kantonen und Leistungserbringern. Dennoch hat der Bundesrat im Rahmen seiner Zuständigkeiten Massnahmen angestossen, welche die SGGG ausdrücklich unterstützt.

So wurde die Eidgenössische Qualitätskommission (EQK) beauftragt, frauenspezifische Krankheiten in ihren strategischen Zielen für die Jahre 2025 und 2026 gezielt zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang wird derzeit eine Studie zur Behandlungsqualität bei frauenspezifischen Erkrankungen durchgeführt, in der auch Endometriose thematisiert wird.

Zudem überprüfen das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die bestehenden Datengrundlagen. Ziel ist es, Versorgungslücken besser sichtbar zu machen und damit eine fundierte Grundlage für gesundheitspolitische Massnahmen zu schaffen.

Forschungslücken schliessen, Datenbasis verbessern

Besonders gross ist der Handlungsbedarf aus Sicht der SGGG in der Forschung. Obwohl das Nationale Forschungsprogramm «Gendermedizin und -gesundheit» (NFP 83) Geschlechteraspekte in Medizin und Gesundheit stärken soll, konnte kein Projekt zur Endometriose gefördert werden. Dies zeigt die wissenschaftliche Unterversorgung eines Krankheitsbildes, das viele Frauen betrifft und erhebliche individuelle wie gesellschaftliche Folgen hat.

Die SGGG fordert deshalb eine Stärkung der empirischen Grundlagenforschung sowie den Aufbau eines nationalen Endometriose-Registers, wie er auch im Bericht thematisiert wird. Ein solches Register wäre zentral, um Häufigkeit, Behandlungsverläufe, Versorgungsqualität und Langzeitfolgen systematisch zu erfassen. Nur auf dieser Basis lassen sich Versorgungslücken erkennen und wirksame Verbesserungen ableiten.

Faire tarifliche Abgeltung sicherstellen

Für eine bessere Versorgung braucht es auch eine angemessene tarifliche Abbildung der Leistungen. Ambulante, koordinierende Tätigkeiten wie Beratung, Follow-up und interprofessionelle Abstimmung sind derzeit unzureichend vergütet. Auch komplexe, häufig multidisziplinäre Operationen sind im SwissDRG-System für Spitäler nicht immer kostendeckend abgebildet. Die SGGG fordert deshalb eine faire Abgeltung, die dem tatsächlichen Aufwand und der Komplexität der Behandlung Rechnung trägt.

Dazu gehört auch, dass die AVOS-Liste (ambulant vor stationär) angepasst wird. Heute können gynäkologische Bauchspiegelungen nur in Ausnahmefällen stationär durchgeführt werden.  Sie sollten künftig bei Bedarf auch stationär möglich sein.  

Versorgung interdisziplinär und spezialisiert ausrichten

Endometriose erfordert eine spezialisierte, interdisziplinäre Versorgung. Eine Schlüsselrolle kommt der medizinischen Grundversorgung zu. Hausärztinnen und Hausärzte, Pädiaterinnen und Pädiater sowie Fachpersonen in der Notfallmedizin sind oft die ersten Anlaufstellen für betroffene Mädchen und Frauen. Damit Warnzeichen früh erkannt und Patientinnen rasch überwiesen werden, braucht es gezielte Fortbildungsangebote.

Auch die Pflege muss stärker eingebunden werden. Spezialisierte Pflegefachpersonen, sogenannte Endo-Nurses, können eine wichtige koordinierende Funktion übernehmen.

Der Bundesrat weist in seinem Postulatsbericht auch auf einen erhöhten Ausbildungsbedarf in der Gynäkologie hin. Hier liegt der Bericht aber falsch: Endometriose ist in der gynäkologischen Aus- und Weiterbildung fest verankert, und auch in Prüfungen wird das Thema regelmässig aufgegriffen.

SGGG bietet fachliche Zusammenarbeit an

Die SGGG erachtet die beschlossenen Massnahmen als erste wichtige Schritte in die richtige Richtung. Nun braucht es eine konsequente Umsetzung und zusätzliche Verantwortung aller beteiligten Akteure. Die SGGG ist bereit, Bund, Kantone, universitäre Institutionen und weitere Partner fachlich zu unterstützen.

Endometriose darf nicht länger eine Krankheit sein, bei der Betroffene jahrelang um Anerkennung, Diagnose und angemessene Behandlung kämpfen müssen. Der Bericht des Bundesrates schafft eine wichtige Grundlage. Jetzt braucht es entschlossenes Handeln.